Yoga im Alltag

Um Yoga zu üben braucht es eigentlich nicht viel: Einen sauberen, ruhigen Ort und eine Matte. Wobei es den Luxus von Matten in Indien früher gar nicht gab, wozu auch, ging es doch um Yoga und nicht die Ausstattung. In meinem Zimmer übe ich täglich zwischen Regalen, Sofa und Wäscheständer Yoga. Ich habe zusätzlich zur Matte einige Utensilien wie Decken, Klötzer, einen Gurt und Meditationskissen angeschafft, irgendwie wird es immer mehr! Es ist natürlich bequemer, aber wozu schaffen wird uns immer mehr Zeug an?

Der Geist ist unruhig

Mit diesen ganzen Gadgets und Gerätschaften bediene ich eigentlich nur meinen unruhigen Geist, also das, was im Yoga nach Patañjali beruhigt werden sollte:

Yogasutra 1.2
yogas citta-vrtti-nirodhah

Yoga ist das Zur-Ruhe-Kommen der ewig kreisenden Gedanken.

Der Geist kann sich beruhigen, wenn er so wenig wie möglich abgelenkt wird. Muss ich also mein Zimmer leer räumen und nur mit einer Matte üben, um tiefer in den Zustand des Yoga zu gelangen? Möchte ich nur meine Gelenke bewegen, ist das Gymnastik, und selbstverständlich völlig in Ordnung. Nur ohne das Zur-Ruhe-Kommen des Atems und er kreisenden Gedanken ist es eben kein Yoga. Der Atem ist der Dreh- und Angelpunkt um von den Asanas, also vom außen und der Gymnastik, zur Ruhe zu kommen. Wird der Atem ruhig, gelingt das auch dem Geist und man bereitet sich auf den zweiten Teil des achtgliedrigen Pfades (Ashtanga) nach Patañjali vor: Pranayama führt zum Rückzug der Sinne (Pratyahara), zu Konzentration (Dharana) und letztlich zur Meditation (Dhyana). Das höchste Ziel ist dann der Zustand innerer Freiheit (Samadhi), etwas das jeder nur selbst herausfinden kann. Und wozu erreicht man diesen Zustand, wenn man ihn dann doch wieder verliert?

Yoga im Alltag ist Beweglichkeit im Geiste

Manche Leute können sich auf der Matte unglaublich verrenken, wie flexibel sie aber im Geiste sind, steht auf einem ganz anderen Blatt. Natürlich kann man Yoga als wunderbare Körperkunst sehen, aber das würde der Yoga-Philosophie niemals gerecht. Die Bewegungen, die man vor der Meditation ausführt, dienen lediglich dazu, zugleich stabil und entspannt eine Weile sitzen zu können. Durch Konzentration und Meditation gelingt es, mit den Herausforderungen des Alltags besser klar zu kommen. Und übertreibt man es, sitzt man nur noch in der Meditation, nimmt man am Leben nicht mehr teil. Im Zustand der geistigen Verzückung ist man nicht mehr in der Lage, die Wäsche zu waschen oder auf dem Amt ein Formular auszufüllen. Man braucht also ein gesundes Maß von beidem, denn das Gute zielt immer durch die Mitte: Eine Mischung aus Alltag und Rückzug ist wünschenswert.

Das gesunde Maß

Hat man das gesunde Maß gefunden, kann man entspannter mit seinen Mitmenschen umgehen, ist großzügiger und nicht ungeduldig. Wenn man ungeduldig ist, möchte man aus einer Situation fliehen oder sie verändern, man kann sie einfach nicht so annehmen, wie sie ist. Das kostet Nerven und trägt zu keiner gelungenen Kommunikation bei. Dabei bedient sich auch das MBSR-Achtsamkeitstraining bei Yoga und Meditationsübungen, und ist ein großartiger Einstieg in dieses Thema. Also versuchen Sie Yoga zu üben und dabei ihren Atem gleichmäßig und achtsam fließen zu lassen, kein Hardcore-Workout mehr, nein, üben Sie den liebevollen Umgang mit sich selbst. Ich darf aus eigener Erfahrung sagen: Gar nicht so einfach, die alten Muster (Samskaras) zu durchbrechen!

Das ganze Zeug!

Also nein, ich muss mein Zimmer nicht komplett leer räumen, um mich auf meinen Atem zu konzentrieren. Je regelmäßiger ich übe, um so leichter fällt es mir, zur Ruhe zu kommen. Das ist ein großes Geschenk, das ich mir selbst mache. Mit großer Achtsamkeit sollte man Yoga überall üben können. Jedoch ist es sicherlich für Anfänger einfacher, mit so wenig Ablenkung wie möglich zu praktizieren. Das „ganze Zeug“ ist trotzdem ein Thema, dem man sich nicht nur als Yogi zuwenden sollte: Wie gelingt „weniger ist mehr“?

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