Was ist die Ausrichtung auf die Unendlichkeit?

In manchen Yoga Haltungen soll man sich auf die Unendlichkeit ausrichten. Was kann ich mir darunter vorstellen?

Reines Bewusstsein, Ursprung

Beim Yoga nimmt man verschiedene Haltungen, Asanas, ein. Mehrere in einer Abfolgen  nennt man dann Vinyasas. Yoga nennt man auch Meditation in Bewegung: Das bringt zum Ausdruck, dass es überlegte und gut ausgeführte Bewegungen sein sollten. Je nach Schule ist Technik, Ausrichtung oder das Gefühl dabei entscheidend. Allen liegt der Atem zugrunde. Zusammengenommen sind es also Haltungen und Bewegungen im Atemrhythmus, die man konzentriert hält oder ausführt. Also anders als bei der Gymnastik muss man den Geist ebenfalls mit einbeziehen und ausrichten. Dabei sagt ein Lehrer dann vielleicht mal etwas wie: „Richte deinen Blick in die Unendlichkeit.“

Die Ausrichtung auf die Unendlichkeit

Beim ersten Mal habe ich gelacht! Was ist die Unendlichkeit und wie sollte ich mich darauf fokussieren? Das ist natürlich wieder so ein Yoga-Konzept, aber genau das schaut man sich dann an, wenn man diese Aufgabe erhält. Man weitet seinen Blick auf das Absolute, Grenzenlose, statt nur vor sich hinzustarren, und gelangt damit auch in eine geistig-mentale Weite. Das arbeiten mit den Sinnen bedeutet, man lässt sie nicht herumschweifen und denkt an den Einkaufszettel, man fängt sie ein und kontrolliert sie (Pratyahara). Auch in der Vorbereitung auf die Meditation macht man das. Aber was ist Yoga anderes als die Vorbereitung auf Meditation? Genau! Man zieht die Sinne von außen nach innen zurück. Dadurch werden die innerlichen Sinne, so möchte ich das mal nennen, wie Wahrnehmung und Intuition aktiviert.

Versenken in das Hier und Jetzt

Darüber versenkt man sich in die Haltung: Wahrnehmen im Außen und im Innern, jetzt und hier. Das gelingt zu Beginn vielleicht nur kurz, dann länger. Dadurch wird es möglich, zu sich selbst Abstand zu gewinnen und eine Distanz zu Problemen aufzubauen. Erst durch die Distanz werden Situationen oft klarer. Von sich selbst abgesehen, kann man auf der Metaebene alles andere ebenfalls erfahren: Die Menschen in meiner Umgebung, in meiner Stadt, meinem Land, Kontinent und Welt. Und auch das „Mein“ wird am Ende relativ. In diesem Zustand sind wir dem universellen selbst sehr nahe und erkennen vielleicht, was mit Unendlichkeit gemeint sein könnte. Quantenphysik in Reinform? Ich bin mal etwas provokativ!

Erkennen, was ist: Bewusstsein

Das ist so gar nicht spektakulär im Außen. Es wühlt nicht auf, eher ist man in einer unglaublichen Ruhe, empfindet vielleicht Dankbarkeit oder hat Respekt vor der Schöpfung. Wir entstammen einer gemeinsamen Seele, das kann schon berührend sein! Vertrauen entsteht, Angst nimmt ab, Verständnis und Erkenntnis über alle Wesen im Universum bedeuten, das man sich gegenseitig mit Freundlichkeit und Liebe begegnen kann und sogar muss. Es ist ein inneres Bedürfnis danach entstanden. Nun ist das Wort Bewusstsein etwas ausgelutscht, aber es trifft den kern am besten: Wir werden uns bewusst. Das beschreibt Patañjali mit „Sthira sukham asanam“ (Yoga Sutra 2.46): Als Asana verstand man nur den Sitz, man kann es aber auch auf alle Haltungen beziehen: „Der Sitz sei fest/stabil und leicht/entspannt.“ Mit einem festen und entspannten Körperbewusstsein zugleich, kann man sich vom Körperlich lösen und den gleichen Prozess mit dem geist starten: Das nennt man dann Meditation.

Und was dann?

Der Geist erfährt eine ungeahnte Weite, kann sich ausdehnen über die persönlichen Grenzen hinaus. Diese Erfahrung ist wirklich toll, kann aber zu Anfang auch beängstigend sein. Das relativieren des Ichs kann für das Ego sehr unangenehm sein! Die eigenen Grenzen weichen auf, tröstlich ist die Zugehörigkeit zu allen anderen. Man entspannt immer wieder die Haltung, das Gesicht, den Atem und die Gedanken. Immer wieder und wieder, kommt dabei tiefer und tiefer und fällt schließlich aus der Polarität oder Dualität in dieses Einheitsbewusstsein oder die eben Unendlichkeit. Durch die Überwindung der Gegensatzpaare lernen wir aus der Bhagavad Gita, dass man sich von seinen Fesseln befreit (BG 5.3). Man verlässt das Ungleichgewicht, das durch die Gegensatzpaare wie Wunsch und Abneigung (BG 7.27) einstanden ist.

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