Sichtweisen: Darshanas

Es gibt unterschiedliche Sichtweisen auf die Welt. Der eine erkennt nur meßbare Dinge an. Ein anderer schaut durch eine andere Brille auf die Welt: Das sind verschiedene Darshanas.

Verschiedene Brillen

Darshanas bezeichnen „Sichtweisen“ oder Philosophien. Es sind (Brillen-)Modelle, um die Welt zu erklären und festzustellen, was wirklich ist und was nicht. Für westliche Menschen hat es sich etabliert, nur mess- und zählbare, also materielle Dinge als real anzusehen. Wie in Indien gingen auch die Philosophien der Antike schon weit darüber hinaus. Sie frag(t)en nach dem Sinn des Lebens, wozu wir hier sind oder woher wir kommen. Bei diesen Ideen gelangt man entweder schnell zur Idee von einem Schöpfer oder zur Urknalltheorie. In Indien kennt man sechs klassische Darshanas. Auch Yoga und Samkhya sind Sichtweisen auf die Welt. Neben den klassischen indischen Philosophien entwickelten sich noch weitere moderne und buddhistische Darshanas. Sie zählen nicht zu den klassischen Darshanas, weil sie sich nicht auf die Veden beziehen.

Persönliche Auseinandersetzung mit den „Brillen“

Die Darshanas sind Erklärungsversuche der Menschen für die grundlegenden Fragen des Lebens. Anhand von Modellen und Konzepten wird das Chaos der Wirklichkeit geordnet. Das funktioniert über die Auseinandersetzung mit den einzelnen Konzepten und liefert unterschiedliche Antworten. Mich hat das zu Beginn verwirrt. Man kann die Darshanas verstehen, indem man die Brillen ab und zu wechselt. Zu den Fragen gehören: Wo komme ich her? Welche Aufgabe habe ich im Leben? Was ist Wahrheit? Gibt es den freien Willen? Alles spannende Fragen! Und wenn Sie meinen, Sie haben die Antwort, dann probieren Sie doch eine andere Sichtweise aus. Die Fragen sind dabei spannender als die Antworten. Die sechs klassischen Darshanas sind:

Samkhya

Samkhya heißt „Aufzählung“ in der alle Elemente der Welt analysiert und benannt werden. Es ist eine dualistische Sicht auf die Welt, in der das höchste Prinzip oder der Urzustand (Purusha) von der Natur (Prakriti) getrennt ist. Es hat aber nicht Göttliches, sonder ist atheistisch: Purusha ist das reine Bewusstsein, das durch die Urnatur  ergänzt wird. Erst durch die drei Grundeigenschaften der Natur von Prakriti, den Gunas, entstand Bewegung, Schwingung, Klang und daraus das Universum. Die drei Gunas sind

  • Sattva (Ausgewogenheit, Reinheit, Klarheit)
  • Rajas (Aktivität, Bewegung)
  • Tamas (Schwere, Trägheit, Dunkelheit)

Kommen diese Schwingungen zu einem Ende, kehrt das Universum wieder zurück in seinen Urzustand, zu Purusha, dem reinen Bewusstsein.

Yoga

Der klassische Yoga, wie ihn Patañjali im Yoga Sutra beschreibt, gründet auf dem Raja Yoga und der Samkhya-Philosophie. Es ist jedoch auch eine Mischung aus allen vorangegangenen Darshanas, der Vedanta und weiteren zeitgenössischen Strömungen wie Buddhismus, Tantra und Jainismus. Dabei gibt es drei wesentlichen Unterschiede zur Samkhya-Philosophie:

  • Patañjali führt die Idee von Ishvara, das göttliche oder höchste Prinzip ein.
  • Man kann sich mit Abhyasa von Anhaftungen lösen und gelangt auch nur mit regelmäßiger Übung zu höherem Bewusstsein (Purusha).
  • Es gibt nur ein reines Bewusstsein zu dem jede Seele wieder zurückkehren kann. Gelangt man zu ihm, überwindet man Prakriti. Dualistischer ist es in der Samkhya-Philosophie: Dort gibt es so viele Purushas wie es Seelen gibt.

Yoga bedient sich einiger Lehren des Samkhya und ist dualistisch, also der Mensch ist vom höheren Prinzip oder Gott getrennt. Anders als in anderen Darshanas kann man jedoch über Yoga zur Einheit gelangen. Dazu bedarf es des achtgliedrigen Pfades, den Yamas und Niyamas, besonders der letzten drei Niyamas (=Raja Yoga):

  1. Tapas
  2. Svadhyaya
  3. Ishvarapranidhana

Vedanta

Ebenfalls non-dualistisch ist Vedanta die Philosophie der Einheit. Brahman ist die Essenz von allem und absolut, aus ihm und durch ihn passiert alles. Also ist alles Brahman. Dagegen steht das, was uns von der Essenz trennt Maya: Die Welt ist eine Illusion. Trotzdem gehört auch diese Trennung, der Schleier, die Illusion zu Brahman.

Purva & Uttara Mimamsa

Purva Mimamsa ist eine sehr alte Philosophie. Es geht vor allem um die korrekte Ausführungen von Ritualen. Beispielsweise zur Anbetung des Lichts und Feuers im Gott Agni. Mit guten Taten sammelt man über ein Karmapunktesystem Fließbienchen, die sogenannten „Punya“ (Verdienst). Punktabzug für schlechtes Verhalten gibt es mit Strafpunkten, den „Papa“ (Sünde). Es gibt aber am Ende noch die Idee der göttlichen Gnade. Dieses ethisch-moralische Wertesystem hat im heutigen Hinduismus immer noch große Bedeutung und ähnelt den Werten der christlichen Kirchen. Uttara Mimamsa bedeutet so viel wie „abschliessende Betrachtung“. Die Upanishaden sind die Zusammenfassungen der vier klassischen, vedischen Überlieferungen. Später werden sie als Vedanta, das Ende der Veden, bezeichnet. Uttara Mimamsa hat eine non-dualistische Sichtweise auf die Welt. Alles ist eins und gehört zusammen.

Vaisheshika und Nyaya

In beiden geht es um Logik und Vernunft. Alles ist Materie: Sie besteht aus kleinsten Teilchen, die in Schwingung sind und sich so zu Materie formen. Nyaya heißt übersetzt „Norm, Regel, Logik“ und nutzt Logik, um die Wirklichkeit zu erklären. Vaisheshika bedeutet „sich auf Unterschiede beziehend“ und dreht sich komplett um Naturgesetze. Ein genußvolles Leben ist schon alles worum es geht im Leben. Es ist dem westlichen-wissenschaftlichen Denken ähnlich doch gibt es auch einen Gottesbegriff.

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