Kontrolle der Sinne: Pratyahara

Yoga besteht aus acht Gliedern, die alle entwickelt werden (sollen). Pratyahara ist die Kunst, die Sinne zurückzuziehen, um mit deiner Aufmerksamkeit nach innen zu gehen. In Krisenzeiten wie Corona ist das eine wertvolle Übung.

Die acht Glieder des Yoga

Was nützt es, wenn man die Asanas beherrscht und sich nicht konzentrieren kann? Alle Glieder beachte man gleichermaßen! Sie entwickeln sich nicht unbedingt gleichzeitig. Man setzt sich immer wieder mit allen Themen, die dazu gehören, auseinander. Das ermöglicht es, auch mal andere Perspektiven einzunehmen und macht neue Erfahrungen. Über die Zeit gelangt man zu anderen Lösungen und Entscheidungen im Leben. Der Yoga-Weg führt fast automatisch zu einer tiefen Konzentration. Dazu beschäftigt man sich mit den ersten Teilen des achtgliedrigen Pfades: Yamas und Niyamas, Körperübungen (Asanas) und dem yogischen Atem (Pranayama). Aus der Konzentration kann Pratyahara entstehen: Die Sinne werden zur Vorbereitung auf die Meditation zurückgezogen: Man lenkt sie nach innen, weg vom Atem, Mantra oder einem anderem Objekt, auf das man sich vorher fokussiert hatte. Ab diesem Punkt ist man auf dem Weg zu innerem Gewahrsein.

Kontrolle der Sinne: Pratyahara

Es ist ein Zustand, den jeder für sich selbst erkunden muss. Im Yoga-Unterricht führt man die Teilnehmenden zu diesem Punkt. Danach machen sie ihre eigenen Erfahrungen, denn dahin kann sie keiner begleiten. Was man begleiten kann, ist der Austausch der Erfahrungen hinterher. Dabei gibt es keine richtigen oder falschen Entdeckungen zu machen. Man erkundet den augenblickliche Zustand. Aus diesem Zustand rutscht man durch seine Gedanken schnell wieder heraus. Deshalb ist es wichtig, sich immer wieder auf das Gewahrsein im Jetzt und Hier zu fokussieren. Das Spüren kann dabei sehr hilfreich sein, ohne dass der Geist auf äußere Reize reagiert. Hört sich kompliziert an, ist aber machbar. Man muss sich darauf einlassen. Damit Vertrauen in den Weg entstehen kann, sollte man länger mit einem (nicht vielen verschiedenen) Lehrer üben. Je vertrauter einem der Raum, die Gruppe, die Stimme des Lehrers ist, um so eher lässt man sich darauf ein, den Sinnen kein weiteres „Futter“ von außen geben. Man zieht sozusagen die Außenposten ab, und begibt sich kontrolliert auf den Weg nach innen:
Yogasutra 2.54
Die Sinne von den äußeren Gegenständen abzuziehen und sie nach innen auf das Eigenwesen des Bewusstseins (den Seher) zu richten: das ist Pratyahara. (Übertragen von B. K. S. Iyengar in „Der Urquell des Yoga“)

Und Pratyahara im Alltag?

Sie kennen diesen Zustand bestimmt auch: Sie arbeiten konzentriert an etwas. Meist ist es eine kreative Tätigkeit, die Sie gern machen. Sie haben sich so vertieft, dass sie das Telefon, die Kinder oder die Kollegen nicht hören. Das nennt man Flow oder yogisch Pratyahara. Es ist wie Dharana ein weiterer Schritt auf dem Weg der Meditation. Manche erleben diesen Zustand beim Schreiben, Malen oder Töpfern, andere beim Wandern oder Joggen. Das entscheidende Wörtchen bei Pratyahara ist „kontrolliert“. Anders als im Flow übt man ganz bewusst, die Sinne zu kontrollieren, den Flow-Zustand herzustellen und aufrechtzuerhalten. Er kann genutzt werden, um die Verbindung zu etwas Größerem zu schaffen, man hat Kontakt zur Quelle der Schöpfung. Das Wort Yoga bedeutet anbinden, verbinden: Die Sinne sollen wie angeschirrte Pferde kontrolliert werden, die normalerweise in alle Richtungen ziehen und zerren. Beruhigt man diese wilden Pferde (äußere Reize), ahmt man die Stille des tiefen Bewusstsein nach. Man wird unglaublich ruhig, es ist das pure Sein. Das ist einfach nur schön!

Katha-Upanishad 3,4,9
In dem Wagen, der Körper genannt wird, ist die Seele Passagier, der Geist Wagenlenker und der Verstand der Zügel. Um diese Existenz mit dem Ziel der Selbstverwirklichung zu durchqueren, müssen die Pferde (Sinne) beherrscht werden. Dazu sollte der Wagen (Körper) gesund sein; nur dann kann der Lenker (Geist) durch richtigen Gebrauch der Zügel (Verstand) die Pferde (Sinne) beherrschen.
(Übertragen von Geeta Iyengar in „Yoga für die Frau“)

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