Brahmacharya: Wandeln im Urgrund

Brahmacharya kann mit „Wandeln im Urgrund“ übersetzt werden. Was ist gemeint und wieso ist das eine Voraussetzung für die anderen Glieder des achtgliedrigen Pfades?

Versuchungen des Geistes

Brahmacharya ist ein schwieriger Begriff, wenn man nicht gerade der viel beschworene Asket im Himalaya ist. Der sitzt in seiner Höhle und meditiert, ist genügsam und begegnet allen Versuchungen des Geistes mit einem tiefen OOOMMM… Ist das so? Ich denke, das ist zu einfach. Auch er muss sich mit den Versuchungen des Geistes beschäftigen. Um enthaltsam zu leben, sollte man sexuelle Gedanken hinter sich gelassen haben. Je enthaltsamer man lebt, um so leichter soll Brahmacharya, das Wandeln im Urgrund, sein. Unterdrückt man einfach nur diese Gedanken und Handlungen, muss man über die Zeit immer mehr Kraft aufbringen, um sie in Schach zu halten. Also, Sie sehen, so einfach ist das enthaltsame Leben nicht. Es bedeutet nicht nur keinen Sex, sondern eben auch die Versuchungen an sich und die Gedanken daran hinter sich zu lassen.

Enthaltsam leben ohne Sex?

Was sind die Vorteile? Man vergeudet weniger Lebenskraft, bleibt geistig wacher und konzentrierter und lebt dadurch gesünder. Erst mal eine gute Sache. Den alten Schriften zufolge, schwächt Sex Frauen sogar noch mehr als Männer. Wenn man ein spirituelles Leben wählt, möchte man die körperlichen und geistigen Kräfte für diesen Weg bündeln und wird Sex nur zur Fortpflanzung betreiben. Natürlich gibt es tantrische Wege, bei denen es gerade darum geht, sexuell aktiv zu sein. Dabei soll man aber den Orgasmus nicht „verschenken“, sondern dessen Energie nach innen lenken. So geht keine Lebenskraft verloren, im Gegenteil, man erhöht die Kraft durch den gemeinsamen Akt als Hingabe an eine höhere Wahrheit.

Und wie können wir das hier im Westen umsetzen?

In der modernen westlichen Welt ist man ununterbrochen nackter Haut ausgesetzt, es geht um Äußerlichkeiten. Es scheint um nichts anderes zu gehen. Doch gibt es inzwischen immer mehr Menschen, die die Leere spüren und sich nach innen wenden. Der erste Schritt ist, sich klar zu machen, was Enthaltsamkeit für Sie selbst bedeuten kann. Probieren Sie doch mal aus, sich einen Wunsch nicht sofort zu erfüllen, sondern abzuwarten. Was passiert dann mit Ihnen? Die hohe Kunst ist es, tatsächlich nicht nur wunschlos glücklich zu sein, sondern auch kein Verlangen aufkommen fühlen. Denn wird ein Wunsch befriedigt, entsteht bald darauf ein neuer. das ist die ungezügelte Natur. Versagt man sich einen Wunsch, ist man deshalb noch lange nicht abgestumpft! Es ist tatsächlich total spannend:

Brahmacharya: Wandeln im Urgrund

Wie kann man nun Brahmacharya, also „den Urgrund erkunden“? Um überhaupt zu beginnen, kann Meditation einen nach innen führen. Das hilft, die Gedanken zu klären und sich bewusst zu machen, wie wichtig das fünfte Yama ist. Was bedeutet ein enthaltsames Leben für mich? Im Selbstversuch kann man beginnen, etwas wegzulassen. Weniger ist oft mehr. Dabei kann bewusst werden, wie sehr oder wie wenig eine Sache oder Handlungen im Alltag fehlt. Bindet das Weggelassene nach einiger Zeit die ganze Aufmerksamkeit weiterhin, sollte man mal hinterfragen, wofür sie denn steht. Ein heikles Thema, dem man sich durchaus mal stellen sollte: Wofür steht Sex für mich? Führt man ein erfülltest Leben, wird man feststellen, dass Sex gar nicht mehr so wichtig ist. Mit Yoga und Meditation unterdrückt man nichts, sondern schaut im Gegenteil genau hin: Mehr dazu in „Meditation heißt annehmen„.

Und jetzt mal: Schokolade

Das ist wahrscheinlich die bekannteste Überlegung: Essen aus Langeweile oder als Liebesersatz. Darüber kann man sich vielleicht noch leichter bewusst machen, wofür manche Wünsche und Süchte stehen können. Welche Energie und geistige Arbeit das bindet, allein die Beschaffungskriminalität! Fällt das weg ist alles wieder frei für andere Dinge: Yoga üben, meditieren und den Nachbarn helfen… Ihrer Kreativität und Fantasie sind dann nämlich keine Grenzen gesetzt und sie können das machen, was Sie schon immer tun wollten. Tatsächlich bremsen wir uns nur selbst, indem wir Energie und Kraft an Wünsche und Süchte binden.

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