Der Zeitbegriff im Yoga

Das Leben ist ein endloser Kreislauf. Wenn alles Entstehen und Vergehen ist, was bedeutet dann der Zeitbegriff im Yoga?

Bedeutungslosigkeit von Zeit

Der Kreislauf der Wiedergeburten im Buddhismus oder die Götter Brahma, Vishnu und Shiva im Hinduismus stehen für das ewige Entstehen und Vergehen. Auch wenn man damit nichts zu tun hat, erkennt jeder den wiederkehrenden Zyklus der Natur in den Jahreszeiten oder im Tagesrhythmus. In der hinduistischer Auffassung dauert ein Schöpfungszyklus mehrere Trillionen (Menschen-)Jahre. Für Gott Brahma, der als Schöpfungsgott verehrt wird, ist das jedoch nur ein Tag: Damit wird die Bedeutungslosigkeit des Zeitbegriffs aufgezeigt. Nach hundert Brahma-Tagen geht die erschaffene Welt wieder in die Allseele ein: Alles kehrt zum Ursprung zurück.

Der Zeitbegriff im Yoga

Auch die westliche Philosophie und Mystik hat sich des Zeitbegriffs angenommen. Man kennt das vielleicht: Manchmal scheint die Zeit zu rasen, dann dehnt sie sich wie Kaugummi. Die Frage ist, ob es im Auge des Betrachters liegt, wie sich Zeit verhält. Dabei „verhält“ sich die Zeit gar nicht, sie ist immer gleich, sondern hat mit der inneren Einstellung zu tun. Einstellung = innere Haltung = Yoga. Es geht immer um Veränderung und Übergänge und wie wir damit umgehen. Heute beschäftigen sich auch Wissenschaften wie Physik, Hirnforschung, Psychologie oder Neurologie mit diesem Thema. Sie kommen zu der Erkenntnis, dass es mit der Wahrnehmung, Bewertung und dem Bewusstsein eines Menschen zusammenhängt, wie Zeit erlebt wird.

Gibt es Zeit überhaupt?

Säuglinge leben immer in der Gegenwart. Man geht davon aus, dass das Zeiterleben erst als Kleinkind einsetzt, das Zeitwissen und die Zeiterfahrung ab dem Schulalter einsetzen. Das Zeitgefühl entsteht also aus Gedanken und Erinnerungen und hilft uns zu einem subjektiven Erleben. Wir benötigen dieses Gefühl von „was war wann“ und „was geschah in welcher Reihenfolge“, um uns sicher zu fühlen. Es gibt uns ein Bewusstsein von Identität und Sinnhaftigkeit. Praktisch erzählen wir uns selbst damit immer wieder unsere eigene Geschichte: „Das Leben kann nur in der Schau nach rückwärts verstanden, aber nur in der Schau nach vorwärts gelebt werden.“
Søren Kierkegaard

Der Yoga möchte diese „Geschichten“ reflektieren und sie als Illusion (Maya) entlarven. Es sind die Schleier, die sich über unsere Wahrnehmung legen, und uns davon abhalten, klar zu sehen. Und dann wird auch der Zeitbegriff relativ. Wer schon mal im Flow, in der Meditation oder in Shavasana ganz losgelöst war, kann sich das gut vorstellen.

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