Viveka, die Unterscheidungsfähigkeit

Viveka, die Unterscheidungsfähigkeit, benötigt man nicht bloß im Yoga. Man benötigt Viveka im Alltag, um die Wahrnehmung zu schärfen und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Der Geist gaukelt einem gern „seine“ Wahrheit vor, dabei ist er getrübt durch unsere Erfahrungen. Diese Trübungen liegen über der Wahrheit wie ein Schleier, man nennt ihn im Yoga Maya.

Im Meer der Eindrücke die Wahrheit erkennen

Über die Sinne nehmen wir die Welt wahr und Erfahrungen dienen uns als Überlebensstrategien. Erfahrungen helfen einem dabei, Situationen einschätzen zu können: Freund oder Feind, bleiben oder wegrennen? Haben wir zu viele Erfahrungen einer Sorte gemacht, halten sie uns von etwas ab oder ziehen uns an. Das verhindert, dass wir uns ein klares Bild in der Situation machen können. Im Yoga setzte man die Unterscheidungsfähigkeit ein, um zwischen Ewigem und Vergänglichem, Wirklichkeit und Unwirklichem, dem Selbst und dem Nicht-Selbst, reinem Vergnügen und echter Wonne zu unterscheiden.

Die Sinne sind begrenzt

Die Sinne sind in ihrer Wahrnehmung begrenzt und der Geist vergleicht alles mit dem, was er schon kennt. Er interpretiert durch diesen Blickwinkel das Geschehen wie durch eine getrübte Brille und ordnet alles in das ihm bekannte Raster ein. Je älter man wird, desto schwerer werden neue Erfahrungen gemacht, man muss sie regelrecht suchen. Mit der Zeit ergibt das im Geist ein festgefügtes Schema und man handelt nur noch in eingefahrenen Bahnen (Samskaras). Im Yoga möchte man diese Bahnen verlassen und ausmerzen, indem man die Sinne zurückzieht, sich auf ein Objekt wie beispielsweise den Atem fokussiert und in einen meditativen Zustand gelangt. In diesem Zustand stellt sich Klarheit ein und die Wahrheit wird erfahrbar.

Die Wahrheit ist verschleiert

Maya nennt man die Verschleierung des Geistes, die nur durch Abstand zum eigenen Geist gelüftet werden kann. Dazu muss man sich von der Identifikation mit Gedanken, Gefühlen und der Situation lösen können, um zum Beobachter seiner selbst zu werden. Zum Beispiel rege ich mich gern auf, wenn ich aus der U-Bahn aussteigen möchte, aber der Fahrgast vor mir direkt vor dem Wagen stehen bleibt und ich nicht vorbeikomme. Statt mich aufzuregen ist ein erster Versuch, meine Aufregung wahrzunehmen. Der zweite Schritt ist das „Aha, da ist es wieder“ und im dritten Schritt kann ich über mich lachen. Vielleicht muss ich dann mal eine Station weiterfahren, aber ich habe meine Denkweise erkannt – kleiner Scherz! An so einer Situation erkennt man die Vergänglichkeit und Unwirklichkeit des Problems, der andere Fahrgast geht weiter oder ich weiche einfach zur Seite aus.

Viveka, die Unterscheidungsfähigkeit entwickeln

Yoga Sutra 2.25 und 2.26
„Die Vernichtung (der Unwissenheit durch rechte Erkenntnis) zerreißt die Verbindung (zwischen dem Seher und dem Gesehenen). Das ist die Befreiung des Sehers.“
„Der ununterbrochene Fluss des unterscheidenden Erkennens vernichtet die Unwissenheit.“ (Übersetzungen von B. K. S. Iyengar)

Mache ich die Unterscheidungsfähigkeit zu meiner zweiten Natur, kann ich auch handeln im Nicht-Handeln, also mich nicht erneut in der Verwirrung verstricken, was wahr ist und was nicht. Dadurch löse ich die Unwissenheit auf und befreien mich von Dukha, dem leidvollen Sein. Das ist der Moment vollkommener Freiheit. Durch Viveka kann also künftiges Leid vermieden werden: Indem man sich innerlich von den weltlichen Dingen löst und einen unabhängigen Geist entwickelt. Illusion (Maya) und das Klesha der Unwissenheit (Avidya) werden durch Wissen überwunden.

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