Kontrolle der Sinne: Pratyahara

Yoga besteht aus acht Gliedern, die alle entwickelt werden (sollen). Was nützt es, wenn man nur die Asanas beherrscht und sich nicht konzentrieren kann? Alle Glieder müssen gleichermaßen Beachtung finden. Das bedeutet nicht, dass sie alle gleichzeitig entwickelt werden, eher dass man sich immer wieder mit allen Themen, die dazu gehören, auseinander setzt. Das ist auch gut so, denn man kommt bei den immer gleichen Themen durch neue Erfahrungen zu anderen Lösungen.

Die ersten vier Glieder auf dem Yoga-Weg

Hat man sich mit den ersten Teilen, den Yamas und Niyamas auf dem achtgliedrigen Pfad beschäftigt, dabei Körperübungen (Asanas) und den yogischen Atem (Pranayama) geübt, führt der Yoga-Weg fast automatisch zu einer tiefen Konzentration. Diese Konzentration kann man für den Rückzug der Sinne als Vorbereitung für die Meditation nutzen. Man bringt die Konzentration nach innen, weg vom Atem, vom Mantra oder einem anderen Objekt, auf das man sich fokussiert hatte. Ab diesem Punkt ist man schon auf dem Weg zum inneren Gewahrsein, ein Zustand, den jeder für sich selbst erkunden muss. Im Yoga-Unterrichte führt man die Teilnehmenden bis zu diesem Punkt und lässt sie ihre eigenen Erfahrungen machen, denn dahin kann sie keiner begleiten.

Kontrolle oder Rückzug der Sinne: Pratyahara

Was man begleiten kann, ist der Austausch der Erfahrungen hinterher. Dabei gibt es keine richtigen oder falschen Erfahrungen, nur der augenblickliche Zustand zählt und wird erkundet. Aus dem Moment wird man durch seine Gedanken schnell wieder herausgeholt, deshalb ist es wichtig, sich immer wieder auf das Gewahrsein im Jetzt und Hier zu fokussieren. Der Geist soll nicht mehr auf äußere Reize reagieren, man gibt den Sinnen kein weiteres „Futter“ von außen. Man zieht sozusagen die Außenposten ab, und begibt sich kontrolliert auf den Weg nach innen:

Yogasutra 2.54
Die Sinne von den äußeren Gegenständen abzuziehen und sie nach innen auf das Eigenwesen des Bewusstseins (den Seher) zu richten: das ist Pratyahara.
(übetragen von B. K. S. Iyengar in „Der Urquell des Yoga“)

Und Pratyahara im Alltag?

Sie kennen diesen Zustand bestimmt auch: Sie arbeiten konzentriert an etwas, meist eine kreative Tätigkeit, die Sie gern machen. Sie sind so vertieft, dass sie das Telefon, die Kinder oder die Kollegen nicht hören. Das nennt man Flow oder yogisch Pratyahara, wie Dharana ein weiterer Schritt auf dem Weg der Meditation. Manche erleben diesen Zustand beim Schreiben, Malen oder Töpfern, andere beim Wandern oder Joggen. Das entscheidende Wörtchen bei Pratyahara ist „konrolliert“. Anders als im Flow übt man ganz bewusst, die Sinne zu kontrollieren, den Flow-Zustand herzustellen und aufrechtzuerhalten. Er kann genutzt werden, um die Verbindung zu etwas Größerem zu schaffen, man hat Kontakt zur Quelle der Schöpfung. Das Wort Yoga bedeutet ja  auch anbinden, verbinden: Die Sinne sollen wie angeschirrte Pferde kontrolliert werden, die normalerweise in alle Richtungen wollen. Beruhigt man diese wilden Pferde, ahmt man die Stille des tiefen Bewusstsein nach. Man wird unglaublich ruhig, es ist das pure Sein.

Katha-Upanishad 3,4,9
In dem Wagen, der Körper genannt wird, ist die Seele Passagier, der Geist Wagenlenker und der Verstand der Zügel. Um diese Existenz mit dem Ziel der Selbstverwirklichung zu durchqueren, müssen die Pferde (Sinne) beherrscht werden. Dazu sollte der Wagen (Körper) gesund sein; nur dann kann der Lenker (Geist) durch richtigen Gebrauch der Zügel (Verstand) die Pferde (Sinne) beherrschen.
(Übertragen von Geety Iyengar in „Yoga für die Frau“)

Deine Meinung ist mir wichtig

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.